Warum der so genannte „Schwer­behinderten­ausweis“ in seiner jetzigen Form Diskriminierung versinnbildlicht

Auf den ersten Blick könnte man denken: Ein „Schwerbehindertenausweis“ ist doch gerade ein Mittel gegen Diskriminierung. Denn er gewährt abhängig vom so genannten „Grad der Behinderung“ und den „Merkzeichen“ z. B. Steuerfreibeträge, Kostenvergünstigungen bei Tickets, das Recht zur Nutzung von „Behindertenparkplätzen“ usw.

Doch werfen wir einen zweiten Blick, offenbaren sich die ableistischen Strukturen, die diesem Dokument zugrunde liegen:

Einen „Schwerbehindertenausweis“ erhält man, indem man über ausschließlich medizinische Stellungnahmen einen entsprechenden Antrag begründet. Behinderung wird somit klar als ein medizinisches, individuelles Defizit behandelt. Dies entspricht dem so genannten medizinischen Modell von Behinderung. Die Dimension, die jedoch das Behindert-werden eigentlich erst entstehen lässt, ist die gesellschaftliche. Erst die an einer bestimmten Norm orientierte physische und ideelle Gestaltung der Gesellschaft hält Menschen, die dieser Norm nicht entsprechen, davon ab, an ihr Teil zu haben: Gebäude ohne Aufzüge, Theater ohne Audiodeskription, Parlamente ohne angemessene Repräsentation von Menschen mit Behinderung usw.

Auch die „Merkzeichen“ im „Schwerbehindertenausweis“ sind bezeichnend. In meinem Ausweis steht bspw. ein „h“ für „hilflos“. Schockierend, oder? Wer hat eine solche Zuschreibung wohl aus welchen Bildern von Menschen mit Behinderung heraus eingeführt? Sicherlich niemand aus der Community selbst. Dies ist ein ganz klares Urteil einer nicht von Ableismus betroffenen Person, dass nun eine ganze Menschengruppe der Gesellschaft als unmündig stigmatisiert.

Es ist Zeit, den Ball zurückzuspielen: Nicht diejenigen, die ausgegrenzt werden, sollten einen Ausweis bekommen. Wir müssen anfangen, die Strukturen und Institutionen zu kennzeichnen, die diese Ausgrenzung verursachen. Mein erster Vorschlag: das Bildungssystem. Mehr dazu – bald hier.