Mein Lieblingsbeispiel aus eigenem Erleben: Ich stand an der Bushaltestelle und wartete dort auf eine befreundete Person. Ein Bus fuhr vor. Ohne Vorwarnung fühlte ich plötzlich, wie ich am Ärmel gepackt und Richtung Bustür gezogen wurde. Erst einige Sekunden später konnte ich mich fassen und losmachen. Die Pointe: Ich wollte gar nicht in den Bus. Ich wartete ja nur auf besagte befreundete Person.
Allerdings ist dieses Erlebnis überhaupt nicht lustig. Und es wäre auch nicht weniger schlimm gewesen, wenn ich doch in den Bus gewollt hätte. Denn zum einen gilt es in unserer Kultur allgemein als massive Grenzüberschreitung, eine mir unbekannte Person einfach anzufassen. Und als Betroffener kann ich sagen: So fühlt es sich auch an. Nur für Menschen mit Behinderung – und Angehörige anderer von Diskriminierung betroffener Gruppen – scheint dieses kulturelle Gebot nicht zu gelten. Dafür gibt es jedoch keine Rechtfertigung. Natürlich gibt es Notsituationen, aber diese sind im Vergleich zur Häufigkeit solcher Erlebnisse wirklich verschwindend gering. Und selbst in Notsituationen hat man oft noch Zeit für eine kurze Frage oder ein rasches Ansprechen.
Zum anderen möchte ich auch das „gut gemeint“ deutlich in Frage stellen. Denn Hilfe bedeutet eigentlich, eine Person darin zu unterstützen, ihre grundlegenden, gerade aktuellen Bedürfnisse zu erfüllen – sofern sie dies wünscht. Doch nach den Bedürfnissen oder dem Wunsch nach Unterstützung wird ja gar nicht gefragt, wenn einfach ohne Worte angefasst wird. Mehr noch: Die Bedürfnisse werden dann sogar einfach angenommen. Manchmal glauben Leute sogar, sie wüssten besser, was ich gerade brauche, als ich selbst. Dies ist im Kern zutiefst entmündigend und verletzend.
Diese Anmaßung entsteht natürlich – im Gegensatz zu „gut gemeint“ – auch nicht aus einem bösen Meinen heraus. Sie ist Folge bestimmter Annahmen über Menschen mit Behinderung, mit denen wir alle schon von Kindesbeinen an sozialisiert werden – auch die Menschen mit Behinderung selbst. Deshalb geht es mir auch nicht primär um Schuld, sondern um Verantwortung.
Ein Merksatz könnte lauten: Wohl fast niemand möchte ungefragt einfach angefasst werden. Die Grundannahme sollte sein, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich ihr Leben und ihren Alltag eigenständig leben – und bei einem Wunsch nach Unterstützung danach fragen. Natürlich ist auch ein empathisches Aufeinander-Achten ein wünschenswertes Gut des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Vielleicht braucht ja doch einmal jemand Unterstützung, der gerade nicht danach fragen kann. Im Zweifel gilt: Einfach nachfragen – und ein etwaiges Nein akzeptieren. Das kann gewiss von jedem*r verlangt werden.