Es ist Freitagabend. Ich bin auf der Laufbahn – endlich mal wieder. Mit meinem Stock pendle ich an der inneren Begrenzung der Laufbahn entlang und beginne, meine Runden zu drehen. Plötzlich höre ich eine freundliche Stimme, die mir zuruft: „Wirklich cool, dass du das machst!“
Meine erste Reaktion ist, dass ich kurz die Orientierung verliere. Dann spüre ich Bitterkeit in mir aufsteigen. Denn ich verstehe die mir zugerufenen Worte nicht als Bestärkung. Was ich aus ihnen höre, ist der unausgesprochene Nachsatz: „…, obwohl du doch eine Behinderung hast.“
Kurz vor dem Ende meiner 5-Kilometer-Laufstrecke höre ich noch einmal dieselbe Person, die mir zuruft: „Ja, du schaffst es, weiter so!“ Kurz fühle ich mich angespornt, denn schließlich sind dies ja anspornende Worte. Und dann – wieder die Bitterkeit. Warum feuert mich diese Person an? Warum nur mich, wo doch an diesem Abend noch eine Vielzahl an anderen Jogger*innen ebenso unterwegs ist wie ich? Die Antwort liegt auf der Hand: Ich bin die einzige Person mit einer ‚sichtbaren Behinderung‘ auf der Laufbahn.
Während ich diese Worte schreibe, überkommt mich Traurigkeit. Wie gerne hätte ich mich einfach angespornt gefühlt. Wie gerne hätte ich mich einfach über die Kontaktaufnahme und Freundlichkeit gefreut. Aber es geht gar nicht um mich als Mensch – wie könnte es auch? Die Person kennt mich ja gar nicht. Ich werde als Manifestation meiner Beeinträchtigung gesehen. Ich werde angefeuert, weil man von Menschen mit Behinderung nicht erwartet, dass sie joggen gehen – und dann auch noch alleine. Ich falle positiv auf, weil die zugrunde liegende Annahme ist, dass Menschen mit Behinderung so etwas doch eigentlich gar nicht können; dass sie ja ohnehin schon ein so schweres Leben haben – und sich dann noch aufraffen, joggen zu gehen.
Oder? Oder interpretiere ich das falsch? Hat jemand gerade mich angespornt, weil diese Person mir sagen wollte: „Ich bewundere, dass du dich trotz der täglichen Auseinandersetzung mit Barrieren, Diskriminierung und Mikroaggressionen abends noch zum Sportmachen aufraffen kannst. Ich bewundere, dass du es aushältst, zu wissen, dass du gerade beobachtet und angestarrt, als Inspiration für ‚Nicht-Behinderte‘ ausgenutzt und geothert wirst – und trotzdem versuchst, Freude am Sport zu haben! Wirklich cool! Weiter so!“
Wie gerne würde ich das glauben, wirklich. Aber leider ist es sehr wahrscheinlich, dass das nicht ist, was mir zugerufen wurde. Denn dafür sind die ableistischen Annahmen über Menschen mit Behinderung viel zu tief in unser aller Sozialisation verankert und ich erlebe sie viel zu oft an jedem einzelnen Tag meines Lebens in dieser Gesellschaft.
Und so sage ich mir selbst: Wirklich cool, dass du das machst! Dass du dich immer wieder mit all den Formen von Diskriminierung herumschlägst, die du erlebst, und trotzdem abends noch die Kraft hast, Sport zu machen. Und dass du bei allem Widerwillen, der dir mittlerweile gegenüber unbekannten Menschen zur schützenden Gewohnheit geworden ist, immer noch nach Kontaktaufnahme suchst. Wirklich cool. Weiter so!
„Wirklich cool, dass du das machst!“ – Kann das denn Ableismus sein?
Es ist Freitagabend. Ich bin auf der Laufbahn – endlich mal wieder. Mit meinem Stock pendle ich an der inneren Begrenzung der Laufbahn entlang und beginne, meine Runden zu drehen. Plötzlich höre ich eine freundliche Stimme, die mir zuruft: „Wirklich cool, dass du das machst!“