„Ich mach das mal eben für dich“ – ist keine gute Idee.

Im Alltag blinder Menschen kommt es immer wieder vor, dass uns Dinge aus der Hand genommen werden, wörtlich wie metaphorisch gesprochen, weil man meint, uns damit einen Dienst zu erweisen.

Als ich einmal mit einigen Bekannten zusammensaß und mich über die übergriffigen Kassiererinnen beim Spar beschwerte, die mir immer meinen Rucksack aus der Hand nehmen und meine Lebensmittel einpacken wollen, sagte ein Bekannter folgendes:

Ich solle das doch mal zulassen. Die Kassiererinnen wollen mir ja helfen und wenn ich das zulasse, würde ich ihnen das Gefühl geben, eine gute Tat getan zu haben, was wiederum eine gute Tat von mir sei.

Der Bekannte war übrigens Pastor. Ich verkneife mir einen diesbezüglichen Kommentar und belasse es dabei, dass ich hier seine Berufung erwähne.

Eine Zeit lang hat mich das überzeugt. Ich fand das einen interessanten Blickwinkel, der mir bis dahin nicht in den Sinn gekommen war.

Ich dachte mir, ich bin ja derjenige, der eine gute Tat tut, weil ich den Menschen ein gutes Gefühl gebe.

Glücklicherweise widerspricht es meiner Natur, mir längere Zeit Übergriffigkeiten bieten zu lassen und ich änderte wieder meine Meinung.

Der Ansatz des Pastors ist nämlich in Wirklichkeit ein gefährlicher Tausch der Verantwortlichkeiten. Damit könnte man genau so gut einem Opfer sexueller Nötigung sagen: „Lass es über dich ergehen. Du tust dem Anderen damit einen Gefallen.“

Ich setze hier nicht sexuelle Nötigung mit einer aufgezwungenen Hilfeleistung gleich. Mit dem Beispiel möchte ich nur besonders deutlich zeigen, wie falsch der o. g. Ansatz ist.

Es ist nicht mein Job, Erniedrigungen hinzunehmen, damit Andere ein gutes Gefühl haben, sich in ihrem Tun auch noch bestätigt fühlen und es bei nächster Gelegenheit wiederholen.

Und das sei bei aller Gutgemeintheit mal gesagt, es ist erniedrigend, wie unmündig behandelt zu werden, weil man mir die Selbstbestimmtheit entzieht, statt mir das Urteil darüber zu überlassen, wozu ich in der Lage bin.

Hier könnte der Artikel eigentlich enden, aber es gibt Anlass zu einer Introspektive.

Leider schützt die Erfahrung behindert zu sein nicht davor, sich selbst so zu verhalten, wie man es bei anderen ablehnt.

Einer blinden Bekannten, die bei mir zu Besuch war, kippte der Rucksack um. Statt sie machen zu lassen, fing ich an, auf dem Boden verstreute Gegenstände zu suchen. Das war schon deshalb falsch, weil durchaus persönliche Dinge dabei sein konnten, von denen sie nicht wollte, dass sie durch meine Hände gehen.

Aber damit nicht genug. Statt ihr die Sachen wenigstens in die Hand zu geben, begann ich damit, sie in ihren Rucksack zu packen, tat also genau das, worüber ich mich so empört hatte. Eine klare Grenzüberschreitung.

Erst als sie mit energischem Tonfall sagte: „Ich kriege das hin“, wurde mir bewusst, was ich da tat.

Ich habe lange überlegt, warum ich so gehandelt habe. Jedenfalls habe ich sie nicht aufgrund ihrer Blindheit für hilfsbedürftig gehalten. Es war also kein ableistischer Beweggrund. Was dann? Dazu habe ich folgende Theorie entwickelt.

Ich glaube, es sind im Wesentlichen zwei menschliche Regungen, die uns so handeln lassen. Geltungsbedürfnis und Selbstwertgefühl.

Wenn wir eine gute Tat vollbringen, steigert das unser Selbstwertgefühl und das bedient unser Geltungsbedürfnis. Also werden wir sofort aktiv, wenn sich das Potential zu einer guten Tat bietet. Ob die Tat von der betroffenen Person als gut empfunden wird, ist dabei zunächst nicht wichtig. Es geht der „helfenden“ Person ja um sich, nicht um die andere Person, wenn auch nur unterbewusst.

Wenn das so ist, sollte man dann bei einer aufgezwungenen Hilfeleistung noch von Ableismus sprechen? Ich meine ja. Bei der übergeholfenen Person kommt nämlich nicht die Ursache an, sondern die Wirkung – und das ist Bevormundung und Grenzüberschreitung aufgrund von Behinderung. Wer sich reflektiert, kann das erkennen und anders handeln. Wer es nicht tut, handelt ableistisch.

Nachsatz:

Um nicht als Zyniker dazustehen, möchte ich festhalten, dass ich an die Existenz selbstloser Taten glaube. Unerwünschte und unangebrachte Hilfeleistungen an behinderten Menschen gehören aber gewiss nicht dazu.