„Ich mach das mal eben für dich“ – das ist keine gute Idee.

Im Alltag von blinden Menschen passiert es oft: Andere Menschen nehmen uns Dinge aus der Hand. Das passiert wirklich mit den Händen oder auch im übertragenen Sinn. Diese Menschen glauben, sie tun uns damit einen Gefallen.

Einmal war ich mit Bekannten zusammen.
Ich habe mich über die Kassiererinnen im Supermarkt beschwert.
Sie achten meine Grenzen nicht.
Sie nehmen mir immer meinen Rucksack aus der Hand.
Sie wollen meine Lebensmittel einpacken.

Ein Bekannter sagte dazu:
Ich soll das doch einfach zulassen.
Die Kassiererinnen wollen ja nur helfen.
Wenn ich die Hilfe annehme, fühlen sie sich gut.
Sie denken dann: Sie haben eine gute Tat gemacht.
Mein Bekannter meinte: Das wäre dann eine gute Tat von mir an den Kassiererinnen.
Dieser Bekannte war übrigens ein Pastor.

Eine Zeit lang hat mich das überzeugt.
Ich fand diesen Blick-Winkel interessant.
Ich dachte: Dann bin ich die Person, die etwas Gutes tut.
Weil ich den anderen Menschen ein gutes Gefühl gebe.
Aber eigentlich will ich nicht, dass Menschen meine Grenzen missachten.
Das passt nicht zu mir.

Deshalb habe ich meine Meinung wieder geändert.
Der Gedanke von dem Pastor ist nämlich gefährlich.
Er vertauscht die Verantwortung.
Man könnte sonst auch zu einem Opfer von Gewalt sagen:
„Lass es einfach geschehen. Du tust dem anderen damit einen Gefallen.“

Ich sage nicht: Hilfe, die man jemandem aufdrängt, ist das Gleiche wie Gewalt.
Aber ich nutze dieses Beispiel, um etwas deutlich zu zeigen.
Ich möchte zeigen, wie falsch der Gedanke vom Pastor ist.
Es ist nicht meine Aufgabe, Erniedrigungen auszuhalten.
Nur damit andere Menschen ein gutes Gefühl haben.
Und damit sie denken, dass ihr Handeln richtig ist.
Denn dann machen sie es beim nächsten Mal wieder.

Viele meinen es gut.
Aber man muss trotzdem sagen:
Es ist erniedrigend.
Man behandelt mich wie ein Kind, das nicht für sich selbst entscheiden kann.
Man nimmt mir die Selbst-Bestimmung weg.
Man lässt mich nicht selbst beurteilen, was ich kann.

Hier könnte der Text zu Ende sein.
Aber es gibt einen Grund, über mich selbst nachzudenken.
Ich bin selbst behindert.
Aber das schützt mich leider nicht davor, mich selbst falsch zu verhalten.
Manchmal mache ich genau das, was ich bei anderen ablehne.

Eine blinde Bekannte hat mich besucht.
Ihr Rucksack ist umgekippt.
Ich habe ihre Sachen auf dem Boden gesucht.
Das war falsch.
Vielleicht waren dort persönliche Dinge dabei.
Vielleicht wollte sie nicht, dass ich diese Dinge anfasse.
Aber das war noch nicht alles.
Ich habe ihr die Sachen nicht in die Hand gegeben.
Ich habe die Sachen direkt in ihren Rucksack gepackt.
Ich habe also genau das getan, worüber ich mich sonst so ärgere.
Das war eine klare Grenz-Überschreitung.
Erst als sie streng sagte: „Ich kriege das hin“, habe ich es gemerkt.
Mir wurde klar, was ich da mache.

Ich habe lange darüber nachgedacht: Warum habe ich so gehandelt?
Ich dachte nicht, dass sie Hilfe braucht, nur weil sie blind ist.
Es war also kein Grund, der mit Vorurteilen gegen Behinderte zu tun hat.
Was war es dann?
Ich habe dazu eine Theorie.

Ich glaube, es sind vor allem zwei Gefühle:

  1. Das Geltungs-Bedürfnis. Das bedeutet: Man möchte wichtig sein.
  2. Das Selbstwert-Gefühl. Das bedeutet: Wie viel man von sich selbst hält.

Wenn wir eine gute Tat machen, fühlen wir uns wertvoller.
Das befriedigt unser Geltungs-Bedürfnis.
Deshalb helfen wir sofort, wenn wir eine Möglichkeit sehen.
Es ist uns dann erst einmal egal, ob die andere Person die Tat gut findet.
Die helfende Person denkt in diesem Moment an sich selbst.
Sie denkt nicht an die andere Person.
Oft passiert das unbewusst.

Ist eine aufgezwungene Hilfe also Ableismus?
(Ableismus bedeutet: Diskriminierung von Menschen mit Behinderung.)
Ich finde: Ja.
Denn für die behinderte Person ist der Grund egal.
Wichtig ist wie sich die behinderte Person fühlt.
Und die behinderte Person fühlt sich bevormundet.

Das ist eine Grenz-Überschreitung wegen einer Behinderung.
Wer über sich nachdenkt, kann das erkennen.
Dann kann man anders handeln.
Wer nicht darüber nachdenkt, handelt ableistisch.

Nachsatz:

Ich möchte nicht so wirken, als würde ich behaupten: Es gibt gar keine uneigennützigen Taten.

Ich glaube fest daran, dass Menschen Gutes tun können, ohne an sich selbst zu denken.

Aber Hilfe, die man anderen gegen ihren Willen aufdrängt, gehört sicher nicht dazu.